Blog

Von Mareike Wöhler

Vor 115 Jahren, am 11. April 1904 – einem Montag – wird das erste Exponat des Deutschen Museums mit einem Zugangsdatum inventarisiert. Das Objekt erhält im Eingangsbuch die Inventarnummer 2200. Es handelt sich um eine Ende des 18. Jahrhunderts in Nürnberg hergestellte Sonnenuhr. Die davorliegenden Inventarnummern sind bereits größtenteils für die Sammlung der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften mit rund 2000 Objekten reserviert. Diese Objektgruppe wird daher auch als Gründungssammlung des Deutschen Museums bezeichnet, sie geht dem Museum jedoch erst im Februar 1905 zu. Weitere Objekte wurden zwar zuvor im Eingangsbuch eingetragen, erhielten aber ein späteres Zugangsdatum – wie Inventarnummer 2196, eine alte Kettenstichnähmaschine, die der Museumsgründer Oskar von Miller (1855–1934) für 4 Mark als Gelegenheit erwarb.

Schneller aber ist diese Würfelsonnenuhr, die sich bereits seit mindestens dem 9. April 1904 in räumlicher Nähe zu Oskar von Miller befinden muss. Schreibt er doch an diesem Tag Henry Weisenbeck, einem in der Münchner Karlstraße ansässigen Antiquitätenhändler, dass er diese Uhr gerne zum vorgeschlagenen Preis von 45 Mark ankaufen möchte und bittet ihn um eine Rechnung. Eine weitere „Sonnenuhr, liegend“ sendet Miller noch am selben Tag per Boten an den Uhrenhändler zurück. Sie ist für die im Aufbau befindlichen Sammlungen wohl nicht von Interesse. Über ihr Aussehen oder ihren Hersteller ist nichts bekannt, der Zusatz „liegend“ lässt nur die Annahme zu, dass es sich um eine Horizontalsonnenuhr gehandelt hat. Beide Uhren hat Weisenbeck dem Museum zuvor zugesandt, wie aus dem Schreibmaschinen-Durchschlag des Briefs hervorgeht, der heute im Archiv des Deutschen Museums in den Akten des Verwaltungsarchivs aufbewahrt wird (DMA, VA 33/2).

Doch was bedeutet ein Objekteingang im Jahr 1904 überhaupt? Bekommt Miller die Sonnenuhr auf einem Silbertablett von einem Museumsdiener an den Schreibtisch auf die Insel gebracht? Steht sie dann dort, um die Zeit bei Sonnenschein zu messen? Wohl kaum: Zwar ist die Gründungsversammlung bereits Vergangenheit (sie fand schon am 28. Juni 1903 statt) – das heute bekannte Museumsgebäude auf der Kohleninsel wird aber erst ab 1909 gebaut und am 7. Mai 1925 eröffnet.

Was ist das nun für ein Ding? Die polyedrische (hier: würfelförmige) Tischsonnenuhr besteht aus einem Holzstativ, auf das fünf Sonnenuhrskalen – Vertikal- sowie Horizontalsonnenuhren – aus kolorierten Kupferstichen auf Papier mit schattenwerfenden Gnomonen (Poldreiecken) angebracht worden sind. Das Gelenk, auf dem der Würfel befestigt ist, dient zur Einstellung des Neigungswinkels, der über das Lot und die Skala auf der Ostseite des Würfels verstellbar ist. Damit ist die Uhr auf allen Breitengraden (Polhöhen) verwendbar. In den Fuß ist eine Vertiefung für einen Kompass eingelassen worden, der jedoch nicht erhalten ist. Vergleichbare Sonnenuhren haben dort eine Kompassnadel und eine papierene Windrose mit der Angabe von Himmelsrichtungen, die von einer Glasplatte geschützt werden. Das noch erhaltene Papier der Uhr des Deutschen Museums ist heute stark vergilbt. Die Sonnenuhrskalen wurden durchgängig mit römischen Ziffern versehen. Sie weisen Halbstundenmarkierungen und zum Teil Viertelstundenstriche auf, die Zeit lässt sich also relativ genau ablesen.

Die Nürnberger Kompassmacher Beringer und Seyfried haben die Sonnenuhr oder zumindest die Kupferstiche Ende des 18. Jahrhunderts hergestellt. Georg Paul Seyfried (1725–nach 1776) war der Onkel des Nürnberger Kompassmachers David Beringer (1756–1829). Beide arbeiteten in einer Werkstatt zusammen, Beringer wird laut Gerhard G. Wagner 1777 Meister.[1] Ihre Meisterzeichen – die Hand bzw. die Heraldische Lilie – finden sich auch auf dem Papier der Würfelsonnenuhr unter bzw. über ihren Signaturen. Beide Hersteller fertigen auch Sonnenuhren an, deren Skalen direkt ins Trägermaterial gerissen sind und aufgrund des höheren Herstellungsaufwands im Verkauf teurer als papierbezogene Sonnenuhren waren. Die seit 1532 und bis ins 18. Jahrhundert in Nürnberg als „gesperrtes Handwerk“ organisierten Kompassmacher stellten Sonnenuhren in verschiedenen Formen aus Materialien wie Holz und Elfenbein her. Sie schützten ihre Qualitätsarbeit mitsamt Knowhow durch diverse Ge- und Verbote.

Die Vertikalsonnenuhr auf der bei richtiger Instrumentenausrichtung nach Westen zeigenden Seite der Sonnenuhr hält ein geflügelter bärtiger Mann mit Sense fest: Dies ist der römische Gott Saturnus – der Gott der Aussaat, auch der Ordnung und des Maßes. Da dies thematisch gut zur Zeitmessung passt, wird Saturn gerne auf Uhren dargestellt. Chronos, der Gott der Zeit, ist sein griechisches Pendant. Und Zeit, Ordnung und Maß benötigt Miller: Die Jahre des Aufbaus eines neuen Museums sind arbeitsreich, er treibt Geld und Exponate ein, die Zeit vergeht wie im Fluge. Miller schreibt den Brief an Weisenbeck an einem Samstag, der bis in die 1950er Jahre noch ein normaler Arbeitstag war.

Es ist anzunehmen, dass die Sonnenuhr nicht neben Millers Schreibtisch stand, auch wenn sie der erste verzeichnete Objekteingang war. Ältere Objekte, die nicht als „Meisterwerke“ erachtet werden, hatten gemäß Millers „Museums-Programm“ im Bericht über die erste Ausschusssitzung [...][2] im Jahr 1904 die Funktion von „Zwischengliedern“: „Außer den Originalen und Nachbildungen der deutschen und ausländischen Hauptmeisterwerke, die gleichsam das Fundament oder den Beginn ganzer Entwicklungsreihen darstellen, und die im Museum auch besonders hervorgehoben werden sollen, müssen aber auch die einzelnen Zwischenglieder in unserem Museum vertreten sein, wenn die Entwicklung der Naturwissenschaft und der Technik, die von einer wichtigen Stufe zur andern nicht sprungweise, sondern nur allmählich erfolgte, gründlich dargestellt werden soll. […] Durch diese zwischen den epochemachenden Meisterwerken stehenden Entwicklungsstufen wird der mühsame Weg gekennzeichnet, welcher zur Erringung des heutigen hohen Standes der Wissenschaft und Technik zu durchlaufen war.“ Wichtig ist Miller außer der Illustrierung eines teleologischen Narrativs aber auch die populäre Vermittlung von Technik: das „Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“ soll „nicht allein für Gelehrte und Ingenieure“ als „eine Stätte der Anregung und Belehrung“ fungieren – bis heute ein wichtiges Credo. Die Auswahl der zukünftigen Objektbestände erfolgt systematisch anhand von Listen, die die „maßgebendsten Autoritäten“ verschiedener Fachgebiete nach Relevanz erstellen.

Für die Besucher werden im November 1906 Räume im Alten Nationalmuseum an der Maximilianstraße (heute: Museum Fünf Kontinente) eröffnet, wo das Museum seine Objekte in ersten Ausstellungen provisorisch zeigen kann. Es ist denkbar, dass die Uhr gemäß der Einteilung der Sammlungen in 36 Gruppen in diesen „Provisorischen Sammlungen“ (vgl. den Bericht über die erste Ausschusssitzung […] von 1904) dann im ersten Stock in der Ausstellung „Astronomie“ gezeigt wird.

Bis es endlich soweit ist, fristet der erste verzeichnete Objekteingang des Deutschen Museums ein bisher unbekanntes Dasein und steht vielleicht ganz profan in einer Vitrine oder einem Schrank, bis die gesammelten Objekte ab 1905 im Alten Nationalmuseum aufgestellt werden. Heute wird das digitale Abbild der Inv.-Nr. 2200 mit weiteren Angaben in unserem Portal Deutsches Museum Digital präsentiert. Vergleichbare würfelförmige Tischsonnenuhren von Beringer und Seyfried können online als Digitalisate studiert werden, zum Beispiel in der digitalen Sammlung des Museum of the History of Science in Oxford und des Museo Galileo in Florenz. Von Beringer besitzt das Deutsche Museum auch eine hölzerne Klappsonnenuhr mit aufgeleimten Papierskalen (Inv.-Nr. 22941).

Die Digitalisierung musealer Objektbestände ist eine Chance, sich solche auf den ersten Blick eher unscheinbaren Objekte mit heutigen technischen Möglichkeiten genauer anzusehen, sie mit anderen Objekten zu vergleichen und ihre Herstellungsgeschichte nicht zuletzt mit der Gründungsgeschichte von Museen zu verknüpfen. Denn in einer Welt voller Dinge konnten und können Museen niemals alles sammeln. Es lohnt sich in jedem Fall, darüber nachzudenken, warum welche Dinge in Museen gezeigt und aufbewahrt werden, um das kulturelle Erbe Europas in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen und sich den außereuropäischen Kulturen anzunähern.

[1] Gerhard G. Wagner: Sonnenuhren und wissenschaftliche Instrumente. Aus den Sammlungen des Mainfränkischen Museums Würzburg. Würzburg 1997.

[2] Verwaltungs-Bericht über das erste Geschäftsjahr und Bericht über die erste Ausschusssitzung des unter dem Protektorate Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ludwig von Bayern stehenden Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik in München. München 1904.

Kommentare

Momentan gibt es keine Kommentare

Neuer Kommentar

bitte alle Felder mit dem * sind Pflichtfelder