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Von Mareike Wöhler

Der Vergleich digitalisierter Objekte führt zu neuen Forschungsergebnissen, das steht außer Frage. Dieses Wissen, das bei der Arbeit an den Objektdaten des Deutschen Museum Digital entsteht, war im Rahmen eines Vortrags gefragt, zu dem mich die Deutsche Meteorologische Bibliothek des Deutscher Wetterdienstes (DWD) einlud.

Als wäre passend zur Ausstellung im Vorfeld Kunst angefertigt worden, empfing mich bereits in der Eingangshalle die Arbeit Sonnenschatten der Künstlerin Rebecca Horn. Diese site-specific installation wurde 2008 für den DWD angefertigt: Die im Fenster zum Hof angebrachten Kupfertrichter ranken sich wie Pflanzen umeinander. In sie sind Spiegel installiert, die sich der Sonne entgegendrehen und das Licht reflektieren. Je nach Wetterlage verändert sich auch die Installation.

Die Ausstellung mit dem Titel „Gustav Hellmanns verborgene Sammel-Leidenschaft. Sonnenuhren, Kompasse und andere Kostbarkeiten ab dem 17. Jahrhundert“ zeigt 25 Instrumente aus der Sammlung Hellmann, die das Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ) dem DWD geliehen hat.

Der Meteorologe Gustav Hellmann (1854–1939) war von 1907 bis 1922 Direktor des Preußischen Meteorologischen Instituts, das in der alten Schinkelschen Bauakademie in Berlin-Mitte residierte – im Berliner Volksmund salopp als „Roter Kasten“ bezeichnet. Hellmann erhielt 1886 auch einen Ruf als Professor für Meteorologie an die Friedrich-Wilhelms-Universität (heute: Humboldt-Universität zu Berlin), seit 1912 war er außerdem Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. In seiner Reihe Neudrucke von Schriften und Karten über Meteorologie und Erdmagnetismus gab er damals nur schwer erhältliche alte Schriften zur Geschichte der Meteorologie und des Erdmagnetismus heraus.

Für Hellmann gehörte die Geschichte des Erdmagnetismus und der Meteorologie zusammen, was der im ersten Jahrhundert vor Christus erbaute, oktogonale Turm der Winde in Athen gut veranschaulicht, der die Anzeige von Windrichtungen und damit frühe Wetterbeobachtung, verschiedene Sonnenuhren und in seinem Inneren noch eine Wasseruhr (Klepsydra) vereint. Das Deutsche Museum stellte um 1927 ein Modell von ihm her (DMO, Inv.-Nr. 57711), das ich als Leitmotiv für meinen im Rahmen der Ausstellung gehaltenen Vortrag gewählt habe.

Für mich sind die von Hellmann gesammelten Sonnenuhren und Kompasse Wissensspeicher, da diese über Jahrhunderte Angaben über die Veränderungen im Erdmagnetismus aufbewahren, die wissenschaftlich und mittlerweile auch digital ausgewertet werden können, wie ich anhand von Beispielen gezeigt habe.

Aufgrund der früheren Bearbeitung von wissenschaftlichen Instrumenten aus verschiedenen Fachgebieten für das Deutsche Museum Digital fanden sich schnell digitale Vergleichsobjekte, mit denen ich einige Objekte aus der Sammlung Hellmann exemplarisch vergleichen, besser datieren und einem Hersteller zuweisen konnte, so zum Beispiel eine Würfelsonnenuhr und ein Davis-Quadrant.

Da das Deutsche Museum ebenfalls Objekte von Hellmann besitzt, konnten diese den Objekten aus der Sammlung Hellmann gegenübergestellt werden. Schließlich fand ich in den Archivalien des Verwaltungsarchivs heraus, dass Hellmann seit 1904 Ausschussmitglied des 1903 gegründeten Deutschen Museums war,[1] was auch dem Deutschen Wetterdienst noch unbekannt war.

Im Anschluss an den Vortrag war es noch möglich, mit Interessierten einige ausgestellte Objekte der Sammlung Hellmann in Augenschein zu nehmen. Dies führte insbesondere vor den exemplarisch im Rahmen des Vortrags gezeigten Objekten zu einem lebhaften Austausch, bei dem jeder etwas Neues mitnahm – also die beste Form des Gesprächs. So kann das Digitale in den realen Raum zurückstrahlen.

Der Kurator der Zeitmessung, Dr. Christian Sicka und die Kuratorin der Geophysik, Daniela Schneevoigt, freuen sich über die Gegenüberstellung der Objekte ebenfalls, da so neues Wissen über die von ihnen betreuten Objektbestände am Deutschen Museum entsteht, das in die Bearbeitung für das Deutsche Museum Digital einfließen kann. Denn das Deutsche Museum ist als Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft dazu verpflichtet, neues Wissen zu generieren und dies der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Die Deutsche Meteorologische Bibliothek ist die größte Spezialbibliothek für Meteorologie in Deutschland. Bereits 1847 wurde sie in Berlin als Handbücherei des Königlich Preußischen Meteorologischen Instituts gegründet, was sie zu einer der ältesten in Europa macht. Der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) hatte die Gründung des Instituts angeregt, da er sich eine systematische Erfassung von Wetterdaten in Berlin wünschte. Hellmanns Forschungsinteressen – Meteorologie und Erdmagnetismus – bilden den ältesten Bestand. Der historische Bestand von etwa 14.000 Bänden umfasst allein für das 16. bis 18. Jahrhundert etwa 3500 Bände.

Dazu gehören sogar 21 Inkunabeln, also Wiegendrucke aus der Frühzeit des Buchdrucks (1454–1500).

Einige der von Hellmann gesammelten Bücher werden auch in der Ausstellung gezeigt.

Das Digitale ist mittlerweile an vielen Institutionen angekommen: Gleich im Eingangsbereich der Bibliothek befindet sich ein Multitouchterminal, auf dem sich Digitalisate von Büchern u.a. aus dem Rara-Bestand, Filme oder digitale Ausstellungsobjekte ansehen lassen. Die Leiterin der Bibliothek, Britta Bolzmann, berichtet mir, dass sie einen solchen Medientisch in der State Library New South Wales gesehen hat und ihren Nutzer*innen das in der Bibliothek vorhandene Wissen gerne auch auf diese Art und Weise präsentieren wollte. Auch Neuigkeiten (wie die Ausstellung selbst) können dort angekündigt werden.

Die sachkundig kuratierte Ausstellung kann noch bis zum 2. August 2019 in der Deutschen Meteorologischen Bibliothek im Gebäude des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach besichtigt werden. Gleich um die Ecke befindet sich das Deutsche Ledermuseum, dessen Besuch sich ebenfalls lohnt.

Die Objektdigitalisierung in Museen bietet die Chance, sich alte Sammlungen noch einmal mit frischem Blick anzusehen und sie mit neuen quantitativen und qualitativen Methoden der Digital Humanities zu untersuchen. Die Objekte aus den Sammlungen und Depots, die man sonst nicht zusammen sehen kann, sind in der virtuellen Welt alle nebeneinander vorhanden und können verglichen werden – oftmals mit besseren Fotos als in den alten Katalogen. Vergleiche zwischen Objekten werden möglich, die in einem realen Museum niemals zusammen ausgestellt werden würden, und von denen viele seit Jahrzehnten im Depot schlummern.

[1] Deutsches Museum, Archiv, VA 0015/3.

Titelbild, Foto 3: © Deutsches Museum, Fotoatelier

Fotos 1, 2, 4, 6: © Deutscher Wetterdienst

Fotos 5, 7: © Mareike Wöhler

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