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von Andrea Geipel

Wenn alle zuhause bleiben müssen, warum nicht gemeinsam digital nach Lösungen suchen?

Ende März hatten die Initiativen Code for Germany, D21 Initiative, Impact Hub Berlin, project together, Prototype Fund, Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland und tech4Germany unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung zum bislang größten Hackathon – dem #WirvsVirusHackathon ausgerufen. In einem digitalen Beteiligungsprozess sollten gemeinsam Lösungen im Umgang mit den gesellschaftlichen Herausforderungen durch die Covid-19 Pandemie entwickelt werden. Vorbild und Inspiration war der erst kurz zuvor stattgefundene Hackathon in Estland

Obwohl ich mich während meiner Promotion am Munich Center for Technology in Society in diversen Gesprächen mit Kommiliton*innen, die dazu forschen, bereits mit Fragestellungen zur gesellschaftlichen Teilhabe durch Hackathons auseinandergesetzt hatte, und wir im letzten Jahr als Deutsches Museum außerdem an der Ausrichtung des Kultur-Hackathons Coding Da Vinci Süd beteiligt waren, war das tatsächlich der erste Hackathon, an dem ich selbst teilnahm.

Die Idee eines Hackathons ist eigentlich, dass sich die multidisziplinären Teams aus Entwickler*innen, Designer*innen und Fachleuten an einem Ort treffen. Dort lernen sie sich persönlich kennen und entwickeln Lösungsansätze in engem Austausch. Die aktuelle Situation verlagerte diesen Prozess nun allerdings ins Internet und stellte Organisationsteam, technische Infrastruktur und Teilnehmende vor besondere Herausforderungen.

Die "Schmankerl Time Machine" ist eines der prämierten Projekte im Rahmen des Coding Da Vinci Süd Hackathons. Wie bei den "GastroGrantlern" wurden auch hier die digitalisierten Speisekarten der Monacensia genutzt. (Design: Andrea Landgraf, CC-BY SA 4.0)

Die "Schmankerl Time Machine" ist eines der prämierten Projekte im Rahmen des Coding Da Vinci Süd Hackathons. Wie bei den "GastroGrantlern" wurden auch hier die digitalisierten Speisekarten der Monacensia genutzt. (Design: Andrea Landgraf, CC-BY SA 4.0)

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der unüblichen Herangehensweise und der insgesamt sehr herausfordernden Situation reichten knapp 2.000 Ideengeber*innen Challenges ein, die vom Organisationsteam für die insgesamt über 43.000 (!) angemeldeten Teilnehmer*innen zu über 800 Challenges zusammengefasst wurden. Am Ende erarbeiteten über 27.000 Bürger*innen knapp 1.500 Projekte. Die eingereichten Herausforderungen befassten sich z.B. mit Fragen zur medizinischen Versorgung, der Krisenkommunikation, der Unterstützung lokaler Unternehmen oder vulnerabler Gruppen. Auch im Bereich Bildung und Kultur wurden zahlreiche Challenges z.B. zu e-learning Plattformen oder e-Kulturangeboten eingereicht. Besonders interessant für mich waren natürlich Fragen rund um Museen: Wie können Museen, die jetzt geschlossen sind, digital erfahrbar werden? Wie kann man digitale Angebote von Museen unterstützen oder verbreiten? Kurz: wie bekommen wir auch jetzt, in Zeiten von Corona, Zugang zu Kulturangeboten?

Im entsprechenden Slack-Channel zum Projekt fand sich schnell eine unüberschaubare Menge an Interessierten, Fachleuten und Entwickler*innen zu dem Thema.  Erfahrene Teilnehmer*innen schlossen sich schnell zu kleineren Teams zusammen und verschoben Diskussionen in andere Channels, während andere (darunter ich) eher versuchten, sich unter all den Anfragen und Ideen zurechtzufinden. Während ich auf Slack der allgemeinen Diskussion folgte und aktuelle Informationen filterte, diskutierte ich parallel dazu in Skype-Calls mit Personen, die ich gerade erst kennengelernte hatte, kommentierte Arbeitsdokumente auf Google und fragte nach Feedback auf Twitter. Tatsächlich fühlte ich mich die meiste Zeit überfordert. Überfordert davon, ständig zwischen verschiedenen Kommunikationsplattformen hin- und herzuwechseln, aber auch von Diskussionen mit teilweise 10 bis 20 mir größtenteils unbekannten Personen in Video-Calls. Vielleicht würde es mir heute, nach fast 3 Wochen im Homeoffice mit täglichen Video-Calls und einigen Webinaren, leichter fallen. Am Ende habe ich mich vor allem beratend eingebracht, dabei auf meine Expertise zurückgreifend und gleichzeitig auf die vielen Rückmeldungen aus der Kultur- und Museumszene auf Twitter.

Aus der Challenge Museen digital zugänglich zu machen, entstanden am Ende zwei Projekte an denen ich – mal mehr, mal weniger – beteiligt war.

museum@home

Ein Blick in das virtuelle museum@home (Screenshot des Projekt-Prototypen vom 09.04.2020)

Ein Blick in das virtuelle museum@home (Screenshot des Projekt-Prototypen vom 09.04.2020)

Das Projekt museum@home möchte ein digital-begehbares Museum schaffen, das ohne Barrieren auskommt. Die geplante digitale Plattform soll es ermöglichen, Ausstellungen nach dem Partizipationsprinzip bottom-up zu entwickeln und zugänglich zu machen. Institutionen, Kurator*innen, interessierte Besucher*innen und Künstler*innen werden hier zu Gestalter*innen ihrer eigenen Ausstellung, die sie kostenlos kuratieren und bereitstellen können. Über eine geplante Vernetzung mit Wikimedia strebt die open source Lösung eine große Reichweite an. In 48h entstand ein erster Prototyp mit zwei beispielhaften Ausstellungen.

cultours

Auf cultours.org werden kulturelle Streamingangebote gesammelt und übersichtlich dargestellt. (Screenshot der Webseite vom 09.04.2020)

Auf cultours.org werden kulturelle Streamingangebote gesammelt und übersichtlich dargestellt. (Screenshot der Webseite vom 09.04.2020)

Das Team des Projekts cultours beriet ich mit Nachrichten und einem Call. Hier konnte ich das Team mit meiner praktischen Erfahrung aus dem Museum unterstützen. Die im Rahmen des Hackathon entstandene Webseite möchte kulturelle Livestream-Angebote sammeln und so einen Überblick verschaffen. 

Am Ende wurde zwar kein Projekt aus dem Bereich Bildung und Kultur von der Hackathon-Jury ausgezeichnet. Über das sogenannte Solution Enabler Programm konnten sich für eine Weiterführung allerdings bis zu 150 Projekte um Unterstützung in der Umsetzung bewerben. Die ausgewählten Projekte findet man hier. Auch wenn keines der beiden Museumsprojekte ausgewählt wurden, arbeiten die Teams auch jetzt, fast drei Wochen nach dem Hackathon, weiter an der Umsetzung und dem Ausbau ihrer Ideen zu digitalen Museumsangeboten.

Die Teilnahme am #WirvsVirusHackathon war für mich eine bereichernde, aber auch herausfordernde Erfahrung. Ich wurde einmal mehr davon überzeugt, wie inspirierend multidisziplinäre Zusammenarbeit sein kann. Wie sehr unterschiedliche Sichtweisen neue Wege eröffnen und den eigenen Horizont erweitern können. Ich war auch begeistert davon, wie groß das Interesse an digitalen Kulturangeboten ist und mit wie viel Motivation die Teilnehmer*innen an ihren Ideen gearbeitet haben und auch jetzt noch arbeiten. Wenn man, so wie ich, gerne mal in seiner eigenen Museumsfilterblase untergeht, vergisst man schnell, dass es auch Außerhalb großes Interesse an Kultur und an Museen – und deren Mitgestaltung gibt. Gleichzeitig war ich aber auch überrascht, wie wenig die bereits bestehenden digitalen Kulturangebote bekannt zu sein scheinen. Ähnlich wie die aktuell aus dem Boden sprießenden Zeitungsberichte zu digitalen Museumsangeboten, scheinen auch viele (digitale) Besucher*innen bereits länger bestehende Angebote erst jetzt zu entdecken. Manchmal habe ich das Gefühl, als würden all jene, die jetzt digitale Angebote fordern oder digitale Lösungen anbieten mit Erstaunen feststellen, dass es durchaus bereits Personen gibt, die sich im Kulturbereich schon länger mit solchen Themen auseinandersetzen. Geht es um die Digitalisierung von Museumsangeboten fehlt es selten an technischen Lösungen, kreativen Ideen und vor allem motivierten Personen. Es fehlt vielmehr an infrastrukturellen Lösungen und einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Technische Lösungsansätze, digitale Plattformen, virtuelle Ausstellungsräume sind toll, wenn es auch genügend Personal in den Museen gibt, die sich dauerhaft damit auseinandersetzen und Angebote weiterentwickeln können. Und digitale Museumsangebote können erst dann nachhaltig diskutiert werden, wenn sie nicht mehr dem Vergleich mit analogen Angeboten ausgesetzt sind, wenn sie vielmehr als Erweiterung gedacht und entsprechend ihrer Inhalte beurteilt werden.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich Mitarbeiter*innen im Bereich Online-Kommunikation und Digitalisierung aktuell zugleich beflügelt und unter Druck gesetzt fühlen. Digitale Angebote, die Zugänglichkeit zu Kultureinrichtungen gewähren, sind so wichtig wie nie. Als digitale Surfer*innen versuchen wir aktuell auf einer wahren Flut bestehender und neuer Angebote die Balance zu halten, sodass man sich manchmal auch einfach eine Pause davon wünscht. Nicht alle sind in der Kürze der Zeit durchdacht oder werden den Test der Zeit bestehen, aber alle zeigen den Willen und die Kreativität Kulturangebote, Sammlungsinhalte, Wissen digital zugänglich zu machen. Und sie zeigen Hoffnung darauf, dass man sich auch „nach Corona“ daran erinnert, wie wichtig und vielseitig digitale Museumsangebote sein können und wie unterstützenswert sie daher sind.

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