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Von Fabienne Huguenin

Am 15. April 2019 steht die gotische Kirche Notre-Dame de Paris in Flammen. Nach etwa vier Stunden gelingt es der Feuerwehr, den Brand auf den hölzernen Dachstuhl zu begrenzen. Um 19.56 Uhr stürzt der 93 m hohe, schmale Vierungsturm ein, den Eugène Viollet-le-Duc (1814–1879) im 19. Jahrhundert bei seinen Restaurierungsarbeiten errichtet hatte.

Die Bilanz: Die Wände stehen noch und viele Objekte konnten gerettet werden. Trotzdem sind die Schäden enorm, allein rund 250 Tonnen Blei-Eindeckung sind geschmolzen, etwa 1300 Eichenbalken des 13. Jahrhunderts von den Flammen zerstört, genauso wie der Vierungsturm, die Turmuhr und die Rosettenfenster auf Dachhöhe. Es sind Hitzeschäden am Mauerwerk der Gewölbe entstanden, teilweise befinden sich die Fassaden in kritischem Zustand. Nun laufen Spendenaktionen für den Wiederaufbau, der, wie Präsident Emmanuel Macron versprach, innerhalb der nächsten fünf Jahre erfolgen soll.

Hierfür können einerseits alte Pläne und Bauzeichnungen, wie die von Viollet-le-Duc, herangezogen werden. Andererseits können Digitalisierungsprojekte dazu beitragen, die zahllosen Fragen zu klären, die sich bei einem Wiederaufbau ergeben. So fertigte der Historiker Andrew Tallon (1969–2018) im Jahr 2015 Laserscans in der Kathedrale durch und fügte die erhobenen, über eine Milliarde Punkte zu einer 3D-Punktwolke zusammen. Für das bereits 2014 erschienene Computerspiel „Assassin’s Creed: Unity“, das die Gamer*in ins Paris der Französischen Revolution versetzt, schuf Ubisoft-Künstlerin Caroline Miousse eine virtuelle, sehr detailgetreue Rekonstruktion der Kathedrale. Für ihre akribische Arbeit zog sie auch Historiker*innen zurate, um die genaue Platzierung von Gemälden an den Wänden herauszufinden.

Doch nicht nur beim Großbrand von Notre-Dame, sondern auch bei anderen Katastrophen wird für die Rekonstruktion immer häufiger das Potenzial der Digitalisierung erkannt. Nach der Zerstörung des Brasilianischen Nationalmuseums in Rio de Janeiro am 2. September 2018, bei dem das Museumgebäude und ca. 90 % des Sammlungsbestandes verbrannten, konnte auf Ergebnisse von Digitalisierungsprojekten zurückgegriffen werden. Seit dem Jahr 2000 wurden Objekte des Museums gescannt und als 3D-Objekte gedruckt; zwei Tage vor dem Brand war ein Projekt abgeschlossen, das die Exponate der ägyptischen Sammlung mit 3D-Scannern erfasst hatte. Über Google Arts & Culture kann das Museum trotz der Zerstörung noch virtuell besucht werden.

Immer offensichtlicher wird angesichts solcher Ereignisse die Rolle, die der Digitalisierung zur Bewahrung unseres kulturellen Erbes zukommt. Auch wenn das Virtuelle oft als Konkurrenz zum originalen Objekt gesehen und die Aura des realen Exponats ins Feld geführt wird – bevor alles gänzlich verloren ist, greift man eben doch auf Digitalisate zurück. Deshalb kommt internationalen Projekten, wie „Venice Time Machine“, das ein multidimensionales, öffentlich zugängliches und beforschbares Modell von Venedig aufbaut, eine immer größere Bedeutung zu. Denn es geht um die Bewahrung des über Jahrhunderte angehäuften Wissens und der Erfahrungen, es geht um Dokumentation und Vernetzung. Die Digitalisierung bietet hierbei das große Potenzial, über Ländergrenzen und Zeiträume hinweg dieses Wissen zu bewahren, es zugänglich zu machen, zu verbreiten, auszutauschen und gemeinsam zu nutzen. Und daran sollten uns nicht erst solche Brandkatastrophen erinnern.

Foto: GodefroyParis, CC BY-SA 4.0

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