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Stromlinienwagen BMW 328, Wendler

Foto:
Inventarnr. 1978-120
Systematik 710.06.01 Straßenfahrzeuge / Automobile / Personenkraftwagen
Identität Original
Beschreibung Der BMW 328 Wendler ist ein Stromlinienfahrzeug der späten 1930er Jahre. Als eines der frühen deutschen Stromlinienkonzepte steht das Fahrzeug beispielhaft für die Entwicklung der Aerodynamik im Automobilbau.
Der leistungsstarke BMW-Sportwagen erhielt eine Karosserie, die auf die Verringerung des Luftwiderstands hin konzipiert wurde. Das Fahrzeug im Deutschen Museums ist eines von sieben Fahrzeugen, die 1937/38 auf Basis von BMW-Sportwagen der Baureihen 326 und 328 von der Karosseriebaufirma Wendler nach Plänen des Aerodynamikers Freiherr Reinhard Koenig-Fachsenfeld (1899-1992) mit einer Stromlinienkarosserie nach Patenten des Aerodynamikers Paul Jaray (1889-1974) versehen wurden. Der Aufbau weist entsprechend Jaray-typische Merkmale auf. Während die fünf Fahrzeuge auf BMW 326-Basis als verschollen gelten, haben die zwei BMW 328 Wendler überlebt.
Das Exemplar im Deutschen Museum geht auf eine Bestellung von Dr. (Heinz) Rosterg, damals leitender Mitarbeiter der Wintershall AG, zurück. Das Fahrwerk entstand im BMW-Werk in Eisenach. Anschließend fertigte die Wagen- und Karosseriebaufirma Erhard Wendler in Reutlingen die Karosserie.
Heinz Rosterg (1904–1990), Sohn von August Rosterg (1870-1945), war Jurist. Die Wintershall AG war in den 1930er Jahren der zweitgrößte deutsche Chemiekonzern und in der NS-Zeit ein wichtiges Unternehmen der deutschen Chemie- und Rüstungsbranche. Gegen Ende des Krieges übernahm Heinz Rosterg die Konzernleitung, die er – abgesehen von einer mehrjährigen Unterbrechung nach Kriegsende – bis in die 1960er Jahre innehatte. 1969 übernahm die BASF AG schließlich die Wintershall AG.
Das Deutsche Museum kaufte den Rosterg zugeschriebenen Wagen 1978 vom Musée Automobile de Provence an. Laut damals mitgegebener Provenienz (basierend auf Recherchen diverser Fachjournalisten und den Angaben des Museums) befand sich der Wagen seit 1939 in Frankreich an der Rennstrecke von Montlhéry, wo er zu Testzwecken gefahren wurde und im Zweiten Weltkrieg verblieb. Spätestens ab 1947 diente er dort als Rennfahrschulwagen und gelangte 1974 ins Musée Automobile de Provence. Seit 2010 ist der BMW 328 Wendler wiederholt Gegenstand einer vertiefenden Provenienz- und Restaurierungsforschung (u.a. 2010/11 zusammen mit dem Technikmuseum Wien, 2014-2017 zusammen mit den Lehrstühlen für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft sowie für Zerstörungsfreie Prüfung der TUM, ebenso von kuratorischer Seite) gewesen, die u.a. offenen Fragen zur Originalität des Wagens, zu Nutzung und Gebrauchsspuren des Fahrzeugs, aber auch zu Standorten und Besitzverhältnissen zwischen 1939 und 1947 nachgegangen ist und noch nachgeht und viele neue Details über dessen Geschichte ermittelt hat. In diesem Kontext war der BMW 328 Wendler auch Gegenstand einer aufwendigen berührungsfreien Diagnostik der materialen Struktur und technischen Entwicklung des Wagens.
Beteiligte
Orte
Datierung Herstellung: 1938
Beschriftung Aufschrift: (Typenschild:); Bayerische Motorenwerke AG. / Zweigniederlassung Eisenach / Typ 328 / Gewicht 910 kg / Wagen-u. Motor-Nr. 85176 / Brems PS 80 / Hubraum 1957ccm / (Schlagzahl am Motorblock).: 85176 (Schlagzahl am Rahmen).: 85176
Maße Objektmaß (H x B x L/T): 1480 x 1480 x 4200 mm
Masse: 800 kg
Technische Daten Motor: Stehender Viertaktmotor hinter Vorderachse, 6 Zylinder, 1971 ccm, 59 kW (80 PS) bei 4500 U/min, V-förmig hängende Ventile, seitliche Nockenwelle, 3 Fallstromvergaser Solex, Batteriezündung 6V, Druckumlaufschmierung mit Ölkühler, Wasserkühlung mit Pumpe und Ventilator.

Fahrgestell/Karosserie: Stahlrohrrahmen mit Kastenquerträgern, 2+1 sitziges Aluminium-Stromliniencoupé mit Unterbodenverkleidung in Jaray-Form von Wendler nach Entwürfen von Koenig-Fachsenfeld.

Fahrwerk: Antrieb der Hinterräder über Einscheiben-Trockenkupplung, 4-Gang-Getriebe, Kardanwelle und Differential, Starrachse hinten an Längsblattfedern, einzeln aufgehängte Räder vorn an Querlenker unten und eine Querfeder oben, hydraulische Stoßdämpfer, Eindruck-Zentralschmierung, hydraulische Vierrad-Fußbremse, Handbremse mechanisch auf Hinterräder.

Aerodynamik: Durch den reduzierten Luftwiderstandsbeiwert, wie auch den vergleichsweise leichten Aufbau aus Aluminium, erreichte der Sportwagen eine um ca. 30 km/h erhöhte Spitzengeschwindigkeit von etwa 180 km/h. Der Nachweis wurde im Rahmen von Geschwindigkeitsversuchen auf Rennstrecken erbracht und galt als Beweis für die wesentliche Leistungssteigerung der Stromlinienkarosserie.
Literatur
  • Bröhl, Hanspeter: Paul Jaray, Stromlinienpionier: von der Kastenform zur Stromlinienform. Bern 1978.
  • Danz, Annemie: Das BMW 328 Wendler Stromliniencoupe aus dem Deutschen Museum München: Provenienz - Analysen - Konzepte. München 2016.
  • Eckermann, Erik: Automobile. Technikgeschichte im Deutschen Museum. München u.a. 1989. (BVB)
  • Grieger, Manfred; Karlsch, Rainer; Köhler, Ingo: Expansion um jeden Preis: Studien zur Wintershall AG zwischen Krise und Krieg, 1929-1945. Frankfurt a. M. 2020.
  • Gundler, Bettina / Pamplona, Marisa / Breitwieser, Lukas: Der BMW 328 Wendler. In: Der Blog des Deutschen Museums, 4.4.2025. https://blog.deutsches-museum.de/2025/04/04/der-bmw-328-wendler (Volltext)
  • Kieselbach, Ralf J. F.: BMW Raritäten. Autos, die nie in Serie gingen. München 2007.
  • Kieselbach, Ralf J. F.: Karosserien nach Mass. Erhard Wendler 1923 bis 1963. Stuttgart 2001.
  • Kieselbach, Rolf J. F.: Stromlinienautos in Deutschland. Aerodynamik im PKW-Bau 1900 bis 1945. Stuttgart 1982.
  • Kühschelm, Oliver: Kraftfahrzeuge als Gegenstand von "Arisierungen". Provenienzforschung zur Kraftfahrzeugsammlung des Deutschen Museums und Forschungen zur Enteignung von Kraftfahrzeugen in Bayern. München 2012.
  • Pamplona, Marisa; Grosse, Christian U.: Non-destructive Testing Techniques Applied to Valuables of our Technical Cultural Heritage. DACH-Jahrestagung 2019. (https://www.ndt.net/article/dgzfp2019/papers/Mo.3.C.2.pdf)
  • Schrader, Halwart: Automobil-Spezialkarosserien. Sonderausführungen deutscher Personenwagen 1906-1986. München 1985.
  • Simons, Rainer: BMW 328. Vom Roadster zum Mythos. München 1996.
  • Wiedemann, Wolfgang; Wagner, Andreas; Wunderlich, Thomas: Zerstörungsfreie Untersuchung eines BMW 328 Wendler-Stromliniencoupés. GeoNews, No 3 2017, S. 6-7.
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