Fantasiereisen

Wie war das Leben an Bord eines Walfängers?






Stark reglementiert, beengt, stickig, bei während schwerer See einsetzender Seekrankheit der jüngeren Besatzungsmitglieder auch kein Vergnügen – so lässt sich das Leben an Bord wohl recht gut zusammenfassen. Auf die Einhaltung der Bordordnung wurde streng geachtet, bei Ungehorsam drohten Stockhiebe. Die meisten Seeleute waren sehr gläubig, Gottesdienst wurde regelmäßig an Bord gehalten, in ausweglosen Situationen wurde aus der Bibel vorgelesen oder es wurden christliche Lieder gesungen, um die Moral zu stärken.




Der Blick in die im Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museum auf Föhr nachgebaute Kommandeurskajüte eines Walfängers vermittelt einen Eindruck von der Enge an Bord. Stets griffbereit standen großkalibrige Kugelbüchsen, da Eisbären oftmals unvermittelt auftauchten und angriffen, wenn sie das Blut der beim Robbenschlag getöteten Tiere witterten.1 Nur der Kommandeur hatte eine eigene Kajüte. Die Offiziere und Unteroffiziere, aus denen die Mannschaft bestand, schliefen gemeinsam in einem Raum. An Bord eines Walfängers waren je nach Schiffstyp bis zu 70 Personen auf engstem Raum versammelt.2

Neben Reiseberichten sind Schiffsjournale eine gute Quelle zur Erforschung des Lebens an Bord eines Walfängers. Hierbei handelt es sich um offizielle Aufzeichnungen für den Schiffseigner (Reeder), in denen der Steuermann oder Schiffsführer von den Schiffspositionen und Segelrouten, den Wetterbedingungen, den Fanggebieten und Fängen sowie von Gefahren oder Verunfallungen von Seeleuten berichtet. Neben sachlichen Schilderungen wie Positionen und Kursen, Warenlisten, erlegten Walen und Robben oder Tranmengen fließen teilweise auch private Beobachtungen und Gefühlsbeschreibungen mit ein, da die Journale tagesaktuell wie ein Tagebuch geführt werden.3

Auch private Tagebücher und Aufzeichnungen von Seeleuten sind ein geeigneter Ausgangspunkt zur Erforschung der maritimen Alltagsgeschichte. So erzählt der Föhrer Kapitän Jens J. Eschels (1757–1842) in seiner 1835 erstmals gedruckten Lebensbeschreibung eines alten Seemannes von ihm selbst und zunächst für seine Familie geschrieben, wie er sich als 11-jähriger Schiffsjunge aus armen Verhältnissen langsam in der Schiffshierarchie hocharbeiten konnte. Bereits mit 24 Jahren hatte Eschels es zum Kapitän gebracht. Er fuhr erst auf Walfängern ins Polarmeer, später auf Handelsschiffen nach Westindien, Amerika und ins Mittelmeer. Seine Lebenserinnerungen gehen weit über ein Tagebuch hinaus und können als Autobiografie eines Kapitäns bezeichnet werden. Die alltäglichen Arbeiten, die Entbehrungen und die strenge Hierarchie an Bord schildert er ebenso detailliert wie Fangrouten oder Schiffstypen.



Bei einer Fahrt bleiben die Seeleute nicht immer nur an Bord, sondern füllen ihre Speisekammer auch an Land auf, wie Eschels im Nachhinein anlässlich einer Grönlandfahrt schildert, die er mit 17 Jahren machte:

 
Anno 1775 fuhr ich Anfangs März in einem Schmackschiffe wie gewöhnlich von Föhr nach Amsterdam und kam in einigen Tagen daselbst an. Ich verheuerte mich nach Grönland als Matrose und bekam 17 Gulden pr. Monat […]; wir fuhren Anfangs April von der Stadt, gegen die Mitte dieses Monats vom Texel aus in See, und kamen im Mai in Grönland im Eise an. Es war dieses Jahr ein schlechtes Fischjahr, und wir finden keine Walfische. Wie wir uns Anfangs Juli-Monat aus dem Eise wegmachten, segelten wir hinauf nach Spitzbergen in die Kreusbay und pflückten daselbst Grönländischen Salat. Dieses ist das beste Mittel in der Welt gegen die Skorbut-Krankheit; auch schossen wir ein Rentier, verschiedene Enten und sammelten Enteneier, segelten dann von da nach der Nordbay und ankerten unter Machelkaut; hier verzehrten wir unser geschossenes Rentier; es war eine Suppe darauf gekocht mit Graupen darin und Grönländischen Salat, und war dies eine schöne Erfrischung für die ganze Mannschaft.

(Eschels 2014, S. 58f.)

 

Mehr über die Ernährung an Bord eines Grönlandfahrers:




Das Rauchen von Tabak war eines der raren Vergnügungen an Bord. Dass hier Zeitvertreib und Nützliches miteinander verbunden sein konnten, zeigt das folgende Objekt:


Before After

Diese Dose wurde aus Metall angefertigt, wobei die Ober- und Unterplatte vermutlich aus Messing und das Seitenteil aus Kupfer bestehen. Sie ist ein typisches Beispiel für eine von nordeuropäischen Seemännern im 18. Jahrhundert gern verwendete Tabaksdose. Auf der Oberseite der Dose wurde ein Ewiger Kalender in den Deckel eingraviert. Mit diesem konnten die Wochentage und das Mondalter ermittelt werden. Die Kenntnis von letzterem war insbesondere bei Navigation im Küstengebiet zur Ermittlung von Ebbe und Flut entscheidend.


Auf einer Seite der Dose steht: „Regt Door Zee“, was im nautischen Sinne einen Kurs „geradeaus“, „direkt“, „ohne Umwege“, aber auch „offen und ehrlich“ bedeuten kann. Ab etwa 1737 eröffnete Pieter Holm (1685/86–1776), ein schwedischer Seemann, in Amsterdam eine Marineschule gleichen Namens. Wohl daher werden ihm überlieferte Tabaksdosen dieser Art zugeschrieben, die einen integrierten Ewigen Kalender tragen.5 Da auf ihnen seitlich immer „Regt Door Zee“, wäre es möglich, dass Holm damit auch seine Schule beworben hat – oder dass die Dosen dort hergestellt wurden.6

Auf der anderen Seite der Dose wurde „IAN + GERRT + HUYSMAN“ eingraviert. Die Hand hat wenig Ähnlichkeit mit der anderen Schrift, so dass angenommen werden kann, dass der Besitzer der Dose seinen Namen zur Identifizierung eingraviert hat. Gerade auf Schiffen mit zahlreichen Personen war diese Markierung des persönlichen Besitzes wichtig, nicht zuletzt, um Streitigkeiten um die Zugehörigkeit von Dingen zu vermeiden. Über diesen Mann namens Jan Gerrit (?) Huysman konnte bisher nichts in Erfahrung gebracht werden. Es ist nicht auszuschließen, dass er ein Schüler auf Holms Seefahrtsschule war. Vielleicht bekamen die Schüler die Dosen beim Schulstart überreicht und hatten somit nicht nur ihren Tabak, sondern auch die zur Navigation wesentlichen Informationen auf See zur Hand.

Ende des 19. Jahrhunderts waren selbst einfache Blechdosen noch eine Rarität und daher bei den Seeleuten gefragt. Sie wurden als Tabaksdosen aufbewahrt, wenn die Dosenmilch aus ihnen geleert worden war.7



Literatur zum Leben an Bord

Marion V. Brewington: The Peabody Museum Collection of Navigating Instruments. With notes on their Makers. Repr. [d. Ausg.] Salem, Mass., 1963. Gloucester, MA [ca. 1990].

Mike Cowham: Calendar Systems and Perpetual Calendars. Part 3: Description of Calendars. In: Bulletin of the Scientific Instrument Society 64 (2000), S. 7–12.

Arthur Conan Doyle: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“. Tagebuch einer arktischen Reise. Hrsg. von Jon Lellenberg und Daniel Stashower. Aus dem Englischen übersetz und erweitert von Alexander Pechmann. München 2017.

Jens Jacob Eschels: Lebensbeschreibung eines alten Seemannes von ihm selbst und zunächst für seine Familie geschrieben (1834). Husum 2014.

Jan I. Faltings: Föhrer Grönlandfahrt im 18. und 19. Jahrhundert und ihre ökonomische, soziale und kulturelle Bedeutung für die Entwicklung einer spezifisch inselfriesischen Seefahrergesellschaft, Husum 2011 (Schriftenreihe des Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museums, N.F., Heft 25).

Sebastian Lehmann: Föhrer Walfang. Zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte einer nordfriesischen Insel in der Frühen Neuzeit. Teil 2. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv 24 (2001), S. 157–186.

Felix Lüttge: Auf den Spuren des Wals. Geographien des Lebens im 19. Jahrhundert. Göttingen 2020.

Corinna Roeder (Hrsg.): Columbus, Cook & Co. Nautische Instrumente, Seekarten und Reisebeschreibungen aus fünf Jahrhunderten. Wuppertal 2002 (Veröffentlichungen der Johannes a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden, Bd. 5).



1 Faltings 2011, S. 73f.

2 Mehr zur Besatzung bei Faltings 2011, S. 108f. Lehmann 2001, S. 164f.

3 Ausführlich zu den Auswertungsmöglichkeiten von Schiffsjournalen mit Schwerpunkt Königlich Grönländischer Handel (1776–1789) Lehmann 2001. Die von Föhrer Kommandeuren geführten Journale werden heute im Archiv der Ferring Stiftung in Kopie aufbewahrt.

4 Roeder 2002, S. 36f.

5 Laut Cowham 2000, S. 11 wurden die Dosen in Holms Werkstatt angefertigt.

6 Laut Brewington 1990, S. 80, Kat. 230, stammt von Holm der Entwurf. Die Rohlinge könnten importiert worden sein.

7 Faltings 2011, S. 115.