Fantasiereisen

Vom Monster zum Säugetier





Lange Zeit waren die großen Meereslebewesen den Kartografen nicht aus eigener Anschauung, sondern nur vom Hörensagen durch Erzählungen von See- und Kaufleuten oder anderen Reisenden bekannt. Daher konnten sie ihr wahres Aussehen und Verhalten nicht richtig einschätzen und behalfen sich mit Fantasiedarstellungen, in die auch Sagen, mythische und biblische Vorstellungen einflossen, die zeigten, wie belesen ein Hersteller war.1 Dennoch basierten die meisten Seeungeheuer oder -monster auf realen Tieren. So waren sie nicht nur Dekoration und Imagination, sondern auch ein Versuch, Wissen über die weltweite Tierwelt (Fauna) darzustellen, also eine Annäherung an reale Verhältnisse zu erzielen.2 Erst mit zunehmender Erforschung der Weltmeere wurden die Seemonster zunächst an die vermeintlichen Ränder der Welt – unter anderem gen Nordpol – gedrängt und verschwanden schließlich ganz aus ihnen.3

Auf dem oben zu sehenden Kupferstich im Atlas Theatrvm Orbis Terrarvm, des flämischen Geografen und Kartografen Abraham Ortelius (1527–1598), der erstmals 1570 in Antwerpen gedruckt wurde, ist vor der Küste Amerikas ein als Monster mit Fischschwanz und zwei Fontänen dargestellter Wal zu sehen. Das Seeungeheuer versucht zusammen mit einem spitzschuppigen Riesenfisch, einen Zweimaster anzugreifen und umzuwerfen. Die Besatzung hat Fässer von Bord geworfen, um dem Wal mit weniger Ballast zu entkommen. Ein wohl aussichtsloses Unterfangen, denn das Tauwerk ist gerissen und das Schiff hat bereits Schlagseite.


Das Thema fußt auf wahren Begebenheiten, denn Wale waren bis ins 19. Jahrhundert tatsächlich noch in der Lage, Segelschiffe umzuwerfen.4 Dies taten sie nicht aus Boshaftigkeit, wie ihnen der Mensch oft unterstellte, sondern weil sie angegriffen wurden und nicht flüchten konnten oder ihre Artgenossen beschützen wollten. Die kleinen Schaluppen warfen sie häufig um oder zerschlugen sie mit der Schwanzflosse (Fluke).


Mehr über die historische Vorstellung von Wal und Mensch:

 
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Eines alten Waljägers aus Sag Harbor hauptsächliche Begründung, die hebräische Geschichte in Frage zu stellen, war diese: – Er besaß eine dieser wunderlichen altmodischen Bibeln, ausgeschmückt mit kuriosen, unwissenschaftlichen Schautafeln; eine von welchselbigen Jonas Walfisch mit zwei Blasestrahlen an seinem Kopf darstellte – eine Eigentümlichkeit, welche zutreffend ist in Hinsicht auf nur eine Gattung des Leviathans (den Glattwal und die Abarten jener Ordnung), über die die Fischer diesen Ausspruch haben: Eine Penny-Rolle würde ihn ersticken“; sein Schlund ist so sehr klein. [...] Möglicherweise möchte Jona sich auch in einem hohlen Zahn verborgen haben; doch beim nochmaligen Überdenken ist der Glattwal ja zahnlos.

(Melville 2016, Kap. 83: Jona historisch betrachtet)

One old Sag-Harbor whaleman’s chief reason for questioning the Hebrew story was this: – He had one of those quaint old-fashioned Bibles, embellished with curious, unscientific plates; one of which represented Jonah’s whale with two spouts in his head – a peculiarity only true with respect to a species of the leviathan (the right whale, and the varieties of that order), concerning which the fishermen have this saying, „A penny roll would choke him“; his swallow is so very small. [...] Possibly, too, Jonah might have ensconced himself in a hollow tooth; but, on second thoughts, the right whale is toothless.

(Melville 2014, Chap. 83: Jonah Historically Regarded)

 

 
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Der ungesicherte, ungeklärte Zustand dieser Wissenschaft der Cetologie wird schon in ihrem Vorhofe bestätigt durch den Umstand, daß in manchen Quellen immer noch ein streitiger Punkt ist, ob der Wal ein Fisch sei. In seinem System der Natur, A.D. 1776, erklärt Linnæus: „Hierdurch scheide ich die Wale von den Fischen.“ Aber aus meiner eigenen Kenntnis weiß ich, daß man bis hinunter in das Jahr 1850 Haifische und Maifische, Alsen und Heringe entgegen Linnæus’ ausdrücklichem Edikt sich immer noch mit dem Leviathan den Besitz derselben Meere teilen fand. […] Oben hat Linnæus euch diese Merkmale angegeben. Aber knapp gefaßt sind es diese: Lungen und warmes Blut; wohingegen alle anderen Fische lungenlos und kaltblütig sind.

(Melville 2016, Kap. 32: Cetologie)

The uncertain, unsettled condition of this science of Cetology is in the very vestibule attested by the fact, that in some quarters it still remains a moot point whether a whale be a fish. In his System of Nature, A.D. 1776, Linnaeus declares, “I hereby separate the whales from the fish.” But of my own knowledge, I know that down to the year 1850, sharks and shad, alewives and herring, against Linnaeus’s express edict, were still found dividing the possession of the same seas with the leviathan. […] Above, Linnaeus has given you those items. But in brief, they are these: lungs and warm blood; whereas, all other fish are lungless and cold blooded.

(Melville 2014, Chap. 32: Cetology)

 

Seit dem 16. Jahrhundert ermöglichte der Buchdruck eine breitere Verbreitung des Wissens von Flora und Fauna, da in Tierbüchern und Flugblättern neben Ereignissen wie Kometensichtungen auch Strandungen von Walen zu einer genaueren Beobachtung und Darstellung der Tiere führten.5

Im 18. Jahrhundert veröffentlichten Naturforscher vermehrt gedruckte illustrierte Naturgeschichten. Damit setzte auch eine systematischere Erfassung von Walen ein:




Ein geeignetes Beispiel hierfür ist der Kupferstich eines 1738 vor Husum bei einem Sturm umgekommenen Pottwals, der mit zwei weiteren Walen an den Strand angespült wurde. An ihm zeigt sich, dass dieses Ereignis dazu genutzt wurde, den Wal nicht nur zu zeichnen, sondern auch gründlicher zu vermessen: Es wurden seine Körper- und Penislänge sowie die Länge von Rückenflosse (Finne) und Schwanzflosse (Fluke) erfasst und seine Zähne gezählt.


Die Erforschung bisher unbekannter Tiere an Land oder auf See hing eng mit ihrer Beobachtung und ihrem Fang zusammen. An Land zeugen davon zum Beispiel herzogliche Jagdchroniken. Über Meerestiere wie Wale oder Walrösser verfassten neben Naturforschern auch die auf britischen Walfängern verpflichtend mitreisenden Schiffsärzte genaue Beschreibungen und erstellten Zeichnungen. Sie jagten während der Walfangfahrten zum Teil selbst, sezierten mit und zeichneten das Verhalten und die Anatomie der Tiere auf.6

 
Der Wal der Naturgeschichte blieb ein ökonomisches und ein gejagtes Tier, dessen Erforschung von der Hilfe und Mitarbeit der Walfänger abhing und dessen Tod deshalb immer schon eingetreten oder das Ziel der Begegnung mit ihm war.

(Lüttge 2020, S. 202)

 

Aus der Naturgeschichte bildete sich während des 18. und 19. Jahrhunderts die Biologie heraus. Sie wurde schließlich zu einer Naturwissenschaft des Lebendigen. Darauf fußen auch unsere gegenwärtigen zoologischen Kenntnisse: Heute ist weitaus mehr bekannt: Bartenwale (wie Blauwal, Grönlandwal oder Nordkaper) haben zwei Blaslöcher auf der Kopfoberseite, Zahnwale (wie Pottwal oder Narwal) nur eines. Durch diese stoßen sie – als Meeressäuger und damit wie der Mensch Lungenatmer – Atemluft aus, den sogenannten Blas (früher: Spaut). Dieser sieht zwar wie eine Fontäne aus, ist aber kein Wasserstrahl, sondern Luft mit Feuchtigkeit. Die Blaslöcher entsprechen also den Nasenlöchern des Menschen.

An dem über diese Seite schwimmenden Wal sind die Ultraschallgeräusche zu hören, die ein Grönlandwal in der Arktis erzeugt hat. Aufgenommen wurden sie von Karolin Thomisch vom Team „Physikalische Ozeanografie der Polarmeere“ des Alfred-Wegner-Instituts (AWI), Bremerhaven.7


Doch wie hört der Wal seine Artgenossen? Wale erkennen sich untereinander an ihren Ultraschallwellen, die sie erzeugen. Die Walstimme weist charakteristische Elemente auf, ebenso wie die menschliche Stimme. Je nach Aufenthaltsgebiet im Meer entwickeln Wale einer Art verschiedene Dialekte.8 Die Wale kommunizieren mit ihrem Gesang über weite Strecken. Einzelne Laute dienen der Echo-Ortung und damit der Orientierung, der Wal besitzt also ein Biosonar, vergleichbar dem Sonar eines U-Boots, das ebenfalls aktiv Schallwellen aussendet.


Doch Wale hören nicht nur ihre Artgenossen: Durch den zunehmenden Lärm der immer größer werdenden Schiffspropeller, durch Bohrinseln für die Erdöl- und Erdgasförderung, durch Windkraftanlagen und durch militärische Sonarsysteme in den Weltmeeren wird ihr Orientierungssinn immer häufiger gestört, und die Tiere werden aus ihren Revieren vertrieben.10


Neurologisch betrachtet stehen die Wale dem Menschen so nahe wie kein anderes Lebewesen auf der Erde: Sie haben das größte Gehirn, das in Bezug auf das Verhältnis von Gehirnmasse und Körpergewicht direkt nach dem des Menschen kommt, aber in Hinsicht auf die Struktur, die Anzahl von Nervenzellen (Neuronen) und Nervengewebe (Gliazellen) komplexer als das des Menschen aufgebaut ist.11



Literatur zur Transformation

Rebecca Hahn: Klang und Lärm der Ozeane. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Online), https://www.faz.net/aktuell/wissen/erde-klima/auch-in-den-ozeanen-nimmt-der-laerm-zu-17283603.html (VÖ: 11.04.2021).

Felix Lüttge: Auf den Spuren des Wals. Geographien des Lebens im 19. Jahrhundert. Göttingen 2020.

Herman Melville: Moby-Dick or The Whale. San Diego 2014.

Herman Melville: Moby-Dick oder: Der Wal. Übersetzt von Friedhelm Rathjen. 2. Aufl. Salzburg und Wien 2016.

Tony Millionaire: Tony Millionaire’s Sock Monkey: Uncle Gabby. Milwaukie, Oregon 2004.

Kathleen Stafford, Christian Lydersen, Øystein Wiig, Kit M. Kovacs: Extreme diversity in the songs of Spitsbergen’s bowhead whales. In: Biology Letters 14 (2018), S. 56, https://doi.org/10.1098/rsbl.2018.0056 (VÖ: 04.04.2018).

Uwe Steffen: Der erfolgreichste Walfänger der Nordfriesen. Matthias der Glückliche und seine Zeit. Bredstedt 2009.

Andreas Tjernshaugen: Von Walen und Menschen. Eine Reise durch die Jahrhunderte. Aus dem Norwegischen von Martin Bayer. Salzburg und Wien 2019.

Chet van Duzer: Seeungeheuer und Monsterfische. Sagenhafte Kreaturen auf alten Karten. Aus dem Englischen von Hanne Henninger und Jan Beaufort. Darmstadt 2015.



1 Hierzu van Duzer 2015, S. 8–13. Steffen 2009, S. 24–27.

2 van Duzer 2015, S. 37–39, 50.

3 Eine fantastische Erklärung hierfür bei Millionaire 2004, eine wissenschaftliche bei Lüttge 2020, S. 31f.

4 Steffen 2009, S. 26. Dies war auch bei der „Essex“ der Fall, vgl. die Einleitung.

5 Steffen 2009, S. 24–27, hier S. 26.

6 Hierzu Lüttge 2020, S. 170–180.

7 Mit freundlicher Genehmigung: © Karolin Thomisch, AWI.

8 Hierzu am Beispiel des Blauwals mehr bei Tjernshaugen 2019, S. 74–77.

9 S. hierzu Stafford/Lydersen/Wiig/Kovacs 2018.

10 Mehr dazu bei Hahn 2021. Die Stimmen verschiedener Wale und deren Hörfähigkeit von Umweltgeräuschen demonstriert ein Soundmixer des Museums für Naturkunde Berlin.

11 Steffen 2009, S. 116–120.